Anders
leben - anders arbeiten
Erwerbslose
gestalten Alternativen und Visionen im Umgang mit Erwerbslosigkeit
Seit
1997 veranstalten das Zentrum Gesellschaftliche Verantwortung der Evangelischen
Kirche in Hessen und Nassau und das Referat Wirtschaft - Arbeit - Soziales
der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck ein mal im Jahr ein mehrtägiges
Kulturseminar für Erwerbslose. Im Jahr 2006 fand die Veranstaltung
vom 17. bis 20. Juli in Bad Hersfeld statt. Im Mittelpunkt stand wie
jedes Mal die kreative und inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Thema
Erwerbslosigkeit.
Die Umsetzung der Arbeitsmarktreformen rund um Hartz IV sind für
Erwerbslose nicht folgenlos geblieben. So hat die Umstellung von Arbeitslosenhilfe
auf ALG II für viele Betroffene zu großen finanziellen Einbußen
geführt oder auch dazu, dass unverheiratete Paare sich gegenseitig
mitversorgen müssen. Gleichzeitig wurden viele für ein halbes
Jahr in Arbeitsgelegenheiten vermittelt, haben oft aber aufgrund der
Arbeitsmarktlage anschließend wieder keine feste Anstellung bekommen.
Hartz IV hat nur den wenigsten den ersehnten Arbeitsplatz gebracht,
stattdessen den meisten Warteschleifen, Bewerbungsauflagen und verschiedene
andere Maßnahmen. Im Seminar setzten sich Erwerbslose damit auseinander,
wie sich Arbeit und Leben unter den Bedingungen von Hartz IV verändert
haben und wie Betroffene diese aktuelle Situation bewältigen können.
Auf
der Suche nach Perspektiven
Jenseits von Hartz IV haben sich ganz unterschiedliche Formen des
Lebens und Arbeitens entwickelt, die auch vielen Erwerbslosen eine Perspektive
eröffnen können. Bei dem Seminar ging es darum, Strategien
herauszuarbeiten, eigenes Leben und Arbeiten positiv zu gestalten, auch
wenn der ersehnte Arbeitsplatz vorerst verwehrt bleibt. Welche Möglichkeiten
gibt es, sich mit reduziertem Budget dennoch eine gewisse Lebensqualität
und gesellschaftliche Beteiligung zu erhalten? Wie kann die geleistete,
unbezahlte Arbeit in Familie oder das ehrenamtliche Engagement einen
höheren Stellenwert erfahren? Welche Ideen gibt es, sich netzwerkartig
zusammenzuschließen und gegenseitig zu unterstützen?
Dabei
wurden bestehende praktische Beispiele und Ideen gesichtet und diskutiert:
das Konzept des Tauschhandels, ein "Umsonst-Laden" in Gießen,
das Leben in einer Kommune wie zum Beispiel im hessischen Niederkaufungen
oder auch die Gründung von Genossenschaften. Nun galt es, angeregt
durch diese Beispiele eigene Ideen, Visionen und Umsetzungsstrategien
zu ersinnen, zu entwickeln und kreativ umzusetzen. Dabei bietet die
kreative Bearbeitung eines Themas weit flexiblere Möglichkeiten
als die Diskussion am "runden Tisch". Innere Bilder, Gefühle,
Befindlichkeiten können ihren Platz finden und ausgedrückt
werden.
Zunächst
konnten alle Teilnehmer/innen persönliche "Verwandlungsbilder"
erstellen. Jede/r suchte sich ein Foto zur persönlichen Lebenssituation
aus einem Bilderteppich aus und gestaltete es nach eigenen Wünschen
um. Mit Schere, Stiften und Collagenmaterial konnten die Teilnehmer/innen
eigene Visionen auf Papier gestalten und ihnen ein erstes Gesicht geben.
In Gruppenarbeit ging es dann an konkretere Ausgestaltung. Welche Bilder
und Szenen verbinde ich mit meiner Vision? Was könnten erste Schritte
sein? Oder was steht mir im Weg? Drei verschiedene Arbeitsgruppen wurden
zur kreativen Umsetzung angeboten.
Foto-Arbeiten
Eine Arbeitsgruppe nahm die Fotografie als Medium zur Beschäftigung
mit dem Thema. Hierfür standen den Teilnehmer/innen Digitalkameras
zur Verfügung. Am Anfangs stand eine kurze Einführung ins
Thema, danach wurden drei Kleingruppen gebildet, die ein kurzes Umsetzungskonzept
machten. Zu unterschiedlichen Aspekten wurden nun Foto-Szenen nachgestellt
oder gezielt Motive gesucht. Diese wurden am Computer weiterbearbeitet
und als Plakate gestaltet. Dabei hatten die Teilnehmer/innen Gelegenheit,
ein Bildbearbeitungs- und Präsentationsprogramm kennenzulernen
bzw.ihre Kenntnisse einzusetzen und zu vertiefen. Hierfür wurde
ausschließlich freie Software (GIMP und OpenOffice) verwendet.
In
Szene gesetzt
Eine weitere Arbeitsgruppe erarbeitet in drei Kleingruppen drei
verschiedene Sketche zum Thema. Hier ging es in einer Talkshow um die
Vision angemessener Bezahlung, in einer Familie um die Gründung
einer selbstständigen Existenz und in einer Landkommune um das
Aufbrechen festgefahrener Strukturen. Die Methode des szenischen Spiels
eröffnet dabei den Teilnehmer/innen die Möglichkeit, eine
bekannte Rolle auszugestalten oder in eine neue Rolle zu schlüpfen.
Im Schutz der Rolle kann das erprobt werden, was man sich sonst vielleicht
nicht traut. Das Spielen und Ausprobieren unterschiedlicher Strategien
eröffnet dabei auch fürs "wirkliche Leben" Wahlmöglichkeiten:
im geschützten Raum kann geübt werden, Angst zu überwinden,
selbstbewusster aufzutreten und eigene Stärken einzusetzen.
Veränderungs-Ausschnitte
Mit dem Medium Collage beschäftigte sich die dritte Arbeitsgruppe.
Ausgangspunkt waren hier die eigenen Visionen, Ideen zur Veränderung
und deren Diskussion in der Grup- pe. Zusätzlich wurde zur Recherche
das Internet benutzt, wodurch die Teilnehmer/innen einen Einblick in
Internetsuche gewinnen bzw. bestehende Kenntnisse einsetzen konnten.
Aus einer Kombination aus Bild, Text und weiteren Gestaltungselementen
entstanden vielfältige Collagen, die zum Weiterdenken anregen.
Der Schritt nach draußen
Mit einer Präsentation am letzten Seminartag wurde die Ausstellung
samt der eingeübten Theaterstücke erstmals einer ausgewählten
Öffentlichkeit gezeigt. Diese Veranstaltung bildet den Auftakt
zu weiteren Präsentationen. Geplant sind weitere Ausstellungen
in Frankfurt, Mannheim, Kassel und in Gießen.
Die Veranstaltung
wurde angeleitet von Holger Wilmesmeier
und mir und in Zusammenarbeit mit dem Zentrum
Gesellschaftliche Verantwortung der Evangelischen Kirche in Hessen
und Nassau und dem Referat Wirtschaft -
Arbeit - Soziales der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck
der evangelischen Kirche in Kurhessen-Waldeck durchgeführt.
Weitere Informationen:
Informationsflyer
zum Download (pdf-Datei, 1,8 MB)
Bildergalerie:
Die Foto-Plakate - auch als pdf zum Downloaden und Ausdrucken
Nächste
Ausstellungseröffnung:
in Frankfurt: am 9. Oktober 2006 um 16:00 Uhr in der Luthergemeinde
Frankfurt / Main
Lutherplatz 1 / Tel.: 069 - 490574
Interessierte sind herzlich eingeladen.
Weitere
Informationen zum Thema Erwerbslosigkeit
Auf
dieser Seite:
Arbeitslosigkeit (Themeninfo)
Projekt: Mit Kreativität und Eigeninitiative
zum Wiedereinstieg in das Berufsleben - Leitfaden für Kulturprojekte
Projekt:
Skulpturen für Gießen
Projekt: Arbeitslosigkeit als Spiel
Projekt: Theater und Maskenbau mit Erwerbslosen
zum Thema Vorurteile
Projekt: Gips-Workshop zu beruflichen
Wünschen und Perspektiven
Projekt: Hörspiel Soziale Gerechtigkeit
und Hartz IV
Projekt:
Ein Denkmal für Tile Kolup - Fliesen-Mosaik-Projekt
Projekt: Erwerbslosen-Theater
Projekt: Puppenbau und Puppentheaterspiel
Auf
anderen Seiten:
Förderverein
gewerkschaftliche Arbeitslosenarbeit e.V.: http://www.erwerbslos.de
Anti-Hartz-Bündnis: http://www.anti-hartz.de/
Sozialhilfeberatung Tacheles: http://www.tacheles-sozialhilfe.de/
Bundesarbeitsgemeinschaft
der Erwerbslosen- und Sozialhilfeinitiativen e.V.: http://www.bag-shi.de/
Arbeitnehmerkammer Bremen: http://www.arbeitnehmerkammer.de
www.bunte-projekte.de
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