Weltweit sind über 70 Prozent aller Frauen von Armut betroffen. Jede zehnte Frau lebt sogar in extremer Armut. Vielen fehlt jeglicher Zugang zu Bildung und sicherer Beschäftigung ohne Ausbeutung. Aber auch in Deutschland sind Reichtum und Armut sehr ungleich verteilt. Hier verdienen Frauen rund ein Sechstel weniger als Männer. Und Frauen haben ein weit höheres Risiko, in Armut abzurutschen als Männer. Besonders betroffen sind sie als Alleinerziehende und Rentnerinnen.
Frauen arbeiten oft in schlechter bezahlten Berufen, werden aber auch häufig für die selbe Tätigkeit schlechter bezahlt als Männer. Wenn Frauen sich in sogenannte „klassische Männerberufe“ wagen, erfahren sie oft Diskriminierung und Mobbing. In meinen Stadtteilprojekten und Arbeitsloseninitiativen berichten Frauen regelmäßig davon.
So berichtet z. B. eine arbeitslose Schreinerin aus der Arbeitsloseninitiative Gießen erzählt, dass sie bei ihren Bewerbungen von vielen Firmen abgelehnt wurde, weil diese keine Frauentoilette vorzuweisen hätten.
Fast die Hälfte der Frauen arbeiten in Deutschland „nur“ in Teilzeit. Und das nicht etwa – wie dieser deutsche Bundeskanzler Herr Merz meint – um eine gute Work-Life-Balance zu haben. Nein, weil sie gleichzeitig Kinder großziehen, auf Enkel aufpassen, sich um pflegebedürftige Angehörige kümmern oder ihnen gar keine Vollzeittätigkeit angeboten wird. Viele kümmern sich ehrenamtlich um Menschen in Not, einfach, weil sie dies wichtig finden. Diese Care Arbeit ist eine unverzichtbare Säule unseres Gesellschaftssystems. Und ohne sie würde unser System zusammenbrechen. Frauen leisten 44 % mehr dieser unbezahlten Care-Arbeit als Männer. Von ihr profitieren Männer in gut bezahlten Berufen, die die Sorgearbeit den Frauen überlassen.
Care-Arbeit wird vielleicht manchmal geschätzt, meistens aber nicht mal als "Arbeit" bezeichnet und vor allem nicht finanziell honoriert. Und auch unzureichend für die Rente berücksichtigt. Und das ist auch eine der Ursachen, warum Frauen dann deutlich weniger Rente bekommen. Frauen, die 2024 in Deutschland eine Altersrente bezogen haben, erhielten im Durchschnitt 955 €, das waren 450 Euro weniger Rente pro Monat als die Männer. Etwa eine halbe Million Rentnerinnen war ganz oder ergänzend auf Grundsicherung im Alter angewiesen. Und auch in die Erwerbsloseninitiativen kommen immer mehr Frauen im Rentenalter, bei denen das Geld nicht zum Leben reicht und die froh sind, hier kostenlos an Projekten und Ausflügen teilhaben zu können.
Wir brauchen einen Neubewertung von Tätigkeiten: als höherwertig werden oft Tätigkeiten angesehen, die viel Geld einbringen. Aber was ist wirklich wichtig und sinnvoll – für andere Menschen, das Zusammenleben, die Natur und das Klima?! Ist es nicht vielleicht wichtiger, Kinder zu unterrichten und zu betreuen, Bäume zu pflanzen und Kranke zu pflegen als Aktiengewinne zu optimieren oder Immobilien weiterzuverkaufen? Brauchen wir wirklich noch mehr Kohlekraftwerke, Einwegplastik und Talkshows? Der Wert der Care-Arbeit und auch der aller Berufe im Gesundheits- Bildungs- und Sozialwesen muss endlich anerkannt und wirklich honoriert werden!
Und flächendeckende Vollzeit-Kinderbetreuung ist dabei nicht die Patentlösung. Denn Familie zu leben braucht Zeit. Ein Familienleben, das erst ab 18:00 Uhr stattfindet und morgens um 7:00 Uhr endet, ist oft sehr stressig und konfliktbelastet. Und spätestens wenn Kinder krank werden oder ernsthafte Probleme haben, kommt es an seine Grenzen. Deswegen wählen viele Familien Arbeitszeitmodelle, bei denen eben nicht beide in Vollzeit arbeiten.
Im Jahr 2024 waren zwei Drittel aller Eltern mit Kindern unter sechs Jahren aktiv erwerbstätig. Dabei waren über 90 % der erwerbstätigen Väter vollzeitbeschäftigt. Von den Müttern arbeiteten aber nur ein Viertel Vollzeit, drei Viertel waren in Teilzeit beschäftigt. Und diejenigen, die aufgrund von Kindern ihre Erwerbstätigkeit sogar komplett pausieren, sind zum größten Teil Frauen. Und wenn Frauen dann jahrelang gar nicht in einem Beschäftigungsverhältnis standen, ist der Wiedereinstieg in den Beruf oftmals sehr schwer, das sehen wir auch bei vielen Frauen, die in die Beratungsstellen kommen. Viele können nicht an ihre bisherige berufliche Laufbahn anknüpfen, ihnen bleiben schlecht bezahlte Aushilfsjobs.
Dazu kommt dass, männliche Gewalt in Familien ist leider immer noch weit verbreitet ist. Unsere Frauenhäuser sind seit Jahrzehnten überfüllt. Aber Trennungen führen in vielen Fällen gerade für die Frauen direkt zu sozialer Not. Auch deshalb harren viele Frauen in Gewaltbeziehungen aus, anstatt sich von dem Misshandler zu trennen.
Die strukturelle Benachteiligung und Unterdrückung von Frauen ist mit eng verknüpft mit dem Wirtschaftssystem der kapitalistischen Gesellschaft. Gerechtigkeit, gleiche Arbeitsbedingungen und Bezahlung und besseren Schutz vor häuslicher Gewalt ist dringend notwendig. Sorge- und Care-Arbeit muss anerkannt und abgesichert werden.
Die Betreuung von Kindern endet nicht mit dem dritten Lebensjahr und muss daher bei der Berechnung der Rentenbeiträge deutlich mehr berücksichtigt werden.
Steuerlast muss gerecht aufgeteilt werden und insbesondere danach verteilt werden, wie viele Personen mit dem jeweiligen Einkommen zu versorgen sind. Und es würde auch extrem helfen, die Reichen und Superreichen stärker zu besteuern, Vermögen endlich zu besteuern, wie es in vielen Ländern der EU gängige Praxis ist. Und mit diesem Geld könnten wir dann wirklich gute Kinderbetreuung, gute Bildung und gute Pflege solide finanzieren. Und wir sollten die vorhandene Arbeit gleichmäßig verteilen und einen Mindestlohn einführen, von dem Menschen sich und ihre Familie versorgen können und später eine Rente zu erwarten haben, die über der Grundsicherung liegt.
Aber eigentlich sollten wir noch weiter gehen: wir sollten Arbeit und Existenzsicherung voneinander trennen und allen Menschen eine auskömmliche Existenz, ein bedingungsloses Grundeinkommen zugestehen, von dem sie gut und menschenwürdig leben können, ob sie nun einer bezahlten Arbeit nachgehen oder nicht. Ein Grundeinkommen wäre nicht Ersatz, sondern die Basis, damit Menschen sich ohne Zwang und Existenzangst kreativ und motiviert in Arbeitsprozessen engagieren könnten. Es würde Frauen eine eigenständige finanzielle Absicherung garantieren. Rentnerinnen aus der Armut heraushelfen. U
nd es würde Frauen – und auch Männern – ermöglichen Care- und Sorgearbeit zu leisten ohne Doppelbelastung und finanzielle Not.
Redebeitrag zum Frauenstreiktag Gießen 03/2026
Buchtipp zum Thema: In: Regina-Maria Dackweiler, Alexandra Rau, Reinhild Schäfer (Hrsg.): Frauen und Armut – Feministische Perspektiven, Leverkusen-Opladen (Seite 361 - 381), zu beziehen bei budrich-academic